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Mittwoch, 9. September 2009

Leitmotive in NOWHERENOW #2

Im Soundtrack zu NOWHERENOW haben nicht die (ja bloß zwei) Figuren je eine Erkennungsmelodie. Vielmehr habe ich wiederkehrende Gefühlszustände, zentrale Ziele und charakteristische Wesenszüge der Figuren mit Motiven verknüpft.

Ein charakteristischer Wesenszug des Professors bleibt von mir musikalisch unkommentiert, nämlich seine Verschrobenheit. Das bizarre Laboratorium des irren Professors kann man so deutlich sehen, daß ich mich nicht noch „draufsetzen‘ wollte und das Offensichtliche noch einmal sagen.

Das erste Leitmotiv steht für die Einsamkeit des Journalisten. Diese wird von ihm selbst zunächst nicht bewußt empfunden, aber die Musik soll dem Hörer diese Sicht auf ihn vermitteln. Es wird gleich zu Beginn mit der Einblende in Reinform vorgestellt:

NOWHERENOW_Leitmotive01

+ The Journalist.mp3

Das Einsamkeits-Motiv taucht z. B. noch einmal auf in Euphory, Triumph, Fight ab Takt 99 im Glockenspiel, wo es den Entschluß des Journalisten kontrastiert, sich für den Professor einzusetzen, indem er ihm ins Wasser folgt, um ihn zu stoppen. Im Finale ab Takt 25 bzw. Buchstabe B wird mithilfe des Motivs der Erkenntnisprozeß des Journalisten von der Einsicht in das eigene Scheitern zum Eintauchen in die phantastische Vision des Professors gesteuert.

Ein Motiv wird zum Leitmotiv erst dadurch, daß es mehrfach auftaucht, um die Wiederkehr eines Gedanken zu versinnbildlichen. Dazu ist es bei dem Motiv für den Zynismus des Journalisten nicht gekommen: es handelt sich um die fast nur aus der Wiederholung einer Note bestehende Gitarrenfigur, die aus seinem Kopfhörer kommt:

+ Headphones Music.mp3

Vier Celli spielen die „Schicksalsmelodie‘ von NOWHERENOW im 9/4-Takt, nämlich das Motiv für die Vision des Professors:

NOWHERENOW_Leitmotive02

+ The Professor's Vision.mp3

Sie taucht immer dann auf, wenn der Professor ein Leuchten in den Augen bekommt, z. B. wenn er dem Journalisten die Funktionsweise seines Raumschiffs erklärt oder (im fast doppelten Tempo) wenn er den Schlüssel wiedergefunden hat und einen Freudentanz aufführt. Im Finale wird sie zur Begleitfigur für die „Triumph der Fantasie über den Zynismus‘-Melodie, womit wir beim letzten Leitmotiv angelangt wären.

Der Ausgang des Films wird vom Bild im Unklaren gelassen. Die Musik hingegen klingt ziemlich eindeutig nach einem tatsächlich über den Wolken schwebenden Professor (Finale Takt 42 bzw. Buchstabe E ff.):

NOWHERENOW_Leitmotive03

+ Accomplished.mp3

In der Mitte des Films fühlt sich der Professor schon einmal, als sei der Start bereits geglückt. Ab Takt 89 im „Triumphmarsch‘ wird das Motiv, wegen anderer Harmonien leicht modifiziert, halbtaktig aufgeteilt durch die Bläserstimmen gereicht.

Donnerstag, 13. August 2009

Was Filmmusik bewirken kann

Auf der diesjährigen Sommerakademie des Forum Scientiarum habe ich Ausschnitte aus dem Kurzfilm NOWHERENOW vorgestellt, denen ich unterschiedliche Musik unterlegt habe, um zu zeigen, wie drastisch sich damit die Wahrnehmung des Geschehens auf der Leinwand beeinflussen läßt. Dieses Posting enthält einen Teil des Workshop-Materials.

Zunächst fünf verschiedene Soundtracks zu den ersten knapp anderthalb Minuten des Films. Da die Schnipsel nur für diesen Blog eine Bedeutung haben, sind sie kennwortgeschützt; das Kennwort lautet in allen Fällen schlicht: blog.

Das erste Beispiel ist mit meinem Original-Soundtrack unterlegt, über den ich vor einiger Zeit bereits gepostet hatte:



Die Illustrationsmusik, die mit der Einblende kommt, soll den Journalisten in die Perspektive des Zuschauers trotz seines arroganten Auftretens und seiner Stumpfheit gegenüber der Erhabenheit des Meeres (erst pinkelt er, dann setzt er den Kopfhörer auf) als eine eher bemitleidenswerte Gestalt einführen. Die Musik auf seinem MP3-Player ist demgegenüber kein Kommentar, sondern die, welche die Figur im Film tatsächlich hört: zu kompliziert, kalt, angeberisch.

Um sich langsam an die Möglichkeiten heranzutasten, ist die zweite Unterlegung eine mit Kindermusik (die erste aus Die kleine Hexe, die zweite aus Pinocchio). Hier soll nicht mehr gezeigt werden, als daß wir durchaus geneigt sind, selbst einen solchen Kontrast zu schlucken.



Die Musik etabliert einen Kinderfilm, und wenn wir dort hineinzappen würden, käme es uns nicht verwunderlich vor, wenn in der nächsten Szene dann ein Mädchen im Pippi Langstrumpf-Outfit als Protagonistin auftauchte. Wir glauben der Musik, auch wenn das Bild damit eigentlich nicht zusammenpaßt.

Die nächste Unterlegung macht aus dem Film einen Krimi:



Eine "Suspense"-Atmosphäre mit bedrohlich wabernden Flächen und einer Harmon Mute Posaune (aus Früchte des Nichts) fragt besorgt, was jetzt gleich wohl Schreckliches passiert, und aus dem Kopfhörer kommt eine "Schlachtfeld am Morgen danach"-Musik (aus Die Judith von Shimoda). Interessanterweise scheint die Kopfhörer-Musik nicht die zu sein, die der Protagonist tatsächlich hört, sondern eine, die aus der Perspektive des Zuschauers das Grauen der nahenden Tat kommentiert. Mich würde es nicht wundern, wenn der Mann, der nun kein Journalist, sondern eher ein Auftragskiller ist, nach dem "Excuse me!" seine Pistole mit Schalldämpfer hervorholte.

In die gleiche Richtung einen Schritt weiter geht die nächste Unterlegung. Statt eines Auftragskillers wäre es jetzt vielleicht ein Serienmörder:



Die sakrale Illustrationsmusik (aus Novemberszenen) paßt überhaupt nicht zur dezidiert unmeditativen Szene, so daß sie die Interpretation des sichtbaren Geschehens konterkariert. Die scheinbar distanzierte Arroganz wird dann am naheliegendsten als Wahnsinn uminterpretiert. Eine solche Kontrastierung ist seit Hitchcock ein gern genutzter Effekt. Die Kopfhörermusik höre ich hier wieder als seinen tatsächlichen MP3-Player: er putscht sich noch mal schön auf. Statt einer klinisch reinen Pistole mit Schalldämpfer wird der arme Professor hier eher mit einem emotionsgeladeneren Gegenstand gemeuchelt, vielleicht einer Drahtschlinge oder einem Beil.

Mein Lieblingsbeispiel ist das folgende (mit einem Welthit von Burt Bacharachs und einem Schnipsel von D'Angelo):



Die Illustrationsmusik ist klar nicht mehr "in der Szene", sondern ein ausdrücklicher Kommentar. Der Journalist ist plötzlich ein sympathischer Filou, dem leider leider immer allerhand daneben geht, und auf seinem MP3-Spieler hat er eine Musik, die so cool ist, wie er gern wäre.

Zu einer "Action"-Szene im weiteren Verlauf des Filmes habe ich nun noch drei Unterlegungen anzubieten. Zunächst mit einer klassischen (Tschaikowski-Sinfonie) dramatischen Musik, die so ähnlich seit der Stummfilmzeit tausende Male zu handlungsbeschleunigten Szenen zu hören war:



Dadurch, daß die Szene in wichtigen Details die Action-Ernsthaftigkeit nicht hergibt (das Meer ist ruhig, der Professor geht gemessenen Schrittes, der Professor ist ein Kauz und nicht Bruce Willis etc. - anders aber die wackelige Handkamera und der 100% Action-kompatible Journalist), wirkt die Musik ironisch und gibt der Sequenz etwas von einem Monty Python-Film.

Umgekehrt kann man die Szene trotz der Handgreiflichkeit, der Handkamera und der Dramatik im Gesicht des Journalisten problemlos durch Musik zu einer Komödie machen, wie hier geschehen mit dem Schützenfest aus Die kleine Hexe:



Zum Abschluß die gleiche Sequenz noch einmal, unterlegt mit dem Jazzstandard "Unforgettable", gesungen vom unvergeßlichen Nat "King" Cole:



Passend zur augenzwinkernden Raindrops Keep Falling on My Head-Fassung des Anfangs haben wir hier wieder den Unglücksraben. Für mich hat die Sequenz so etwas von einem Woody Allen-Film. Technisch gesehen hebt diese Musik anders als die beiden vorigen nicht einen der sichtbaren Aspekte der Szene hervor und verstärkt ihn bzw. bügelt den Rest weg, sondern nimmt eine dritte, eigene Perspektive ein.

Samstag, 18. Juli 2009

Von hinten her gedacht - die erste Minute in NOWHERENOW

Der Film wurde ja letzte Woche bereits hochschulintern gezeigt... aber für die endgültige DVD- und Festivalbewerbungs-Fassung kommen Ende der nächsten Woche noch Bläser-Aufnahmen mit Philipp Haagen dazu. Dann lade ich mehr Musik und die Noten hoch! Jetzt aber erst einmal etwas Text und ein paar kurze Klangbeispiele zum Anfang des Films.

NOWHERENOW beginnt mit einer Einblende des Journalisten, der etwas verloren am Strand steht, sich erst mal erleichtert und dann den Professor sucht, den er interviewen will. Als er diesen nicht ausmachen kann und den Strand entlangstapft, setzt er sich den Kopfhörer seines MP3-Spielers auf und hört - ja, was hört er? Er hört harte, analytische, urbane, überambitionierte, schwierige Musik, die keinen Spaß macht, die er aber gut finden will. Also wie die Musik von Steve Coleman / M-Base ;-)

Es wäre eine verschenkte Möglichkeit, wenn die Mood-Musik zur ersten Einblende, die lautstärkemäßig unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle und somit unterbewußt den Journalisten als Loner einführt, und die laut eingespielte und damit klar bewußt wahrgenommene aggressive Musik, die er auf seinem MP3-Spieler hat, nichts miteinander zu tun hätten und einfach so nebeneinander gestellt würden. Könnten diese beiden Musiken nicht in Wirklichkeit ein und dieselbe Musik sein, die bloß einzeln gehört völlig unterschiedliche Wirkung haben?

So wie hier: Auf Michael Breckers Platte „Now You See It, Now You Don’t“ gibt es ein Stück mit Namen Escher, in dem es naheliegenderweise um Eschers Vexierbilder geht. Ein triolischer Swing-Teil (d. h. bei dem jede Viertel in eine Vierteltriole und eine Achteltriole unterteilt ist) wird mit einem binären Funk-Teil überlagert, dessen Viertel genau den Vierteltriolen des Swing entsprechen (der Swing ist somit um 33,33% langsamer als der Funk). Die beiden Grooves verschmelzen zu einem Song, und manchmal scheint der eine, und manchmal der andere Teil durch.

Die NOWHERENOW-Kopfhörermusik und die Anfangsstimmung können gleichzeitig laufen und verschmelzen dabei in der Wahrnehmung zu einem einheitlichen Stück, sind aber einzeln gehört vollkommen verschieden - wenngleich sie, anders als bei Brecker, dasselbe Metrum haben. Ein Escher-Effekt wird stattdessen dadurch erzielt, daß die Baßtöne der Kopfhörermusik die Harmonien der Journalisten-Atmosphäre umdeuten. Zunächst die Mood-Musik:


Entfernte und stark gefilterte Solo-Celli spielen eine Melodie und eine Gegenstimme, die in ihrer verschroben-unsentimentalen Melancholie von Wayne Shorters Sopransaxophonspiel inspiriert sind. Ganz anders die Wichtigtuer-Musik, die der Journalist sich antut:


Um die beiden Musiken als nicht-zufällig zusammengehörig zu präsentieren, wird nicht mit dem Aufsetzen des Kopfhörers einfach die Kopfhörermusik laut gedreht, sondern das Aufsetzen des Kopfhörers findet genau auf die Zählzeit 1 des ersten Taktes in der Form statt, und der anschließende Schnitt passiert auf die Totale genau auf der 1 des neunten Taktes. Durch die Filmschnitte ist die Dauer der acht Takte vorgegeben, und so ergibt sich im 7/8-Takt, in dem die ganze Musik steht, ein Tempo von exakt 111,7 BPM.

So klingen die beiden Musiken zusammen (man hört mit den Ohren des Journalisten, d.h. die Kopfhörermusik ist bei abgesetztem Kopfhörer leise präsent und bei aufgesetztem Kopfhörer so dominant, daß Umgebungsgeräusche komplett maskiert sind):


Und hier zum Spaß noch die Kopfhörermusik mit einem ursprünglich von mir geplanten Synth-Solo, das dann für die Bedürfnisse des Films aber doch zu frickelig und vor allem zu launig ist, mit dazu passend der Gitarre ohne Verzerrung und in lang bis zum Absetzen des Kopfhörers:


(Schlagzeug: Christian Jung. Alle übrigen Instrumente sind von mir gespielt bzw. programmiert)

Sonntag, 22. Februar 2009

Leitmotive in NOWHERENOW #1

Bei der Musik zu NOWHERENOW (Film von Volker Schmitt, siehe auch mein vorangegangenes Posting) möchte ich einmal das Konstruktionsprinzip "Leitmotiv" ausprobieren. Die Verwendung von Leitmotiven oder "musikalischen Bedeutungsträgern", die nach Carl Maria von Weber, Beethoven, Berlioz und anderen vor allem Richard Wagner und Richard Strauss zur Meisterschaft gebracht haben, läßt sich besonders klar in Sergej Prokofiews brillantem Peter und der Wolf nachvollziehen. In der Filmmusik findet Leitmotivik ebenfalls breite Verwendung; zu den am meisten zitierten Beispielen zählt John WilliamsImperial March aus Star Wars, der mit der Figur Darth Vader assoziiert ist. Aber auch in der so stark auf die Liedform ausgerichteten Popmusik kann man Leitmotive hören, etwa auf Konzept-Alben wie Genesis' Doppel-LP The Lamb Lies Down on Broadway.

Leitmotive bieteten sich für NOWHERENOW an, da die Musik voraussichtlich über die gesamte Dauer des Films (eine knappe Viertelstunde) ohne Unterbrechung durchlaufen wird, so daß jeweils zur Szene passende "Songs" ausscheiden. Lukas, der zynische, hippe Journalist, bekommt als Leitmotiv einen Beatbox-Rhythmus, der an die Ibiza-taugliche Lounge-Musik erinnern mag, die er wahrscheinlich bevorzugt. Dem durchgeknallten Professor lasse ich ein an die Streichquartette Hindemiths, Bartóks und anderer Komponisten des 20. Jahrhunderts gemahnendes komplexes Streichergeflecht angedeihen, das seine komplizierten Berechnungen und seine Vintage-Meßgeräte wiederspiegelt.

Anders als in Peter und der Wolf und den meisten anderen musikalischen Beispielen sollen in der NOWHERENOW-Musik nicht nur die Figuren mit Leitmotiven ausgestattet werden (zumal es nur zwei davon gibt...), sondern auch einzelne Aspekte ihrer Persönlichkeiten bzw. einzelne Gefühlsregungen. Ich denke etwa daran, ein Motiv für den enthusiastischen Glauben an das Unmögliche (daß gleich ein Raumschiff mit Wasserantrieb starten wird) zu prägen, das immer dann erklingt, wenn der Professor sich für seine Vision begeistert - und dann zum Ende des Films auch Lukas ergreift, als er im Sand sitzt und die den geglückten Start bejubelnde Stimme des Professors aus dem Dosentelefon hört.

Mit Leitmotiven kann nicht nur ein "Psychogramm" der Protagonisten ausgearbeitet werden - Igor Strawinsky verspottete in Anlehnung an den Wagner-Kritiker Eduard Hanslick Leitmotive als "Garderobennummer" der Figuren, die dieses starr identifizieren. An ihnen kann auch auch die Entwicklung der Charaktere nachvollzogen werden, und erst recht bieten Leitmotive, die nicht geradewegs für Figuren stehen, vielfältige Möglichkeiten. Sie verleiten jedoch dazu, eine Filmmusik sehr dicht an der Szene zu schreiben, eine illustrative Musik, die nicht schon per Konstruktion eine "eigene" Botschaft im Kontrast zum Gesehenen formuliert. Aber so viel Hollywood darf es diesmal schon sein...

Montag, 26. Januar 2009

NOWHERENOW

Diese Woche nehme ich die Arbeit an der Musik zu einem Kurzfilm von Volker Schmitt auf, der NOWHERENOW heißen wird. Ein Wissenschaftler, der behauptet, ein Raumschiff mit einem Wasser-Antrieb gebaut zu haben, wird am Strand von einem coolen Hauptstadt-Journalisten interviewt. Ist der verschrobene Professor ein Spinner?