Sonntag, 22. Februar 2009

Leitmotive in NOWHERENOW #1

Bei der Musik zu NOWHERENOW (Film von Volker Schmitt, siehe auch mein vorangegangenes Posting) möchte ich einmal das Konstruktionsprinzip "Leitmotiv" ausprobieren. Die Verwendung von Leitmotiven oder "musikalischen Bedeutungsträgern", die nach Carl Maria von Weber, Beethoven, Berlioz und anderen vor allem Richard Wagner und Richard Strauss zur Meisterschaft gebracht haben, läßt sich besonders klar in Sergej Prokofiews brillantem Peter und der Wolf nachvollziehen. In der Filmmusik findet Leitmotivik ebenfalls breite Verwendung; zu den am meisten zitierten Beispielen zählt John WilliamsImperial March aus Star Wars, der mit der Figur Darth Vader assoziiert ist. Aber auch in der so stark auf die Liedform ausgerichteten Popmusik kann man Leitmotive hören, etwa auf Konzept-Alben wie Genesis' Doppel-LP The Lamb Lies Down on Broadway.

Leitmotive bieteten sich für NOWHERENOW an, da die Musik voraussichtlich über die gesamte Dauer des Films (eine knappe Viertelstunde) ohne Unterbrechung durchlaufen wird, so daß jeweils zur Szene passende "Songs" ausscheiden. Lukas, der zynische, hippe Journalist, bekommt als Leitmotiv einen Beatbox-Rhythmus, der an die Ibiza-taugliche Lounge-Musik erinnern mag, die er wahrscheinlich bevorzugt. Dem durchgeknallten Professor lasse ich ein an die Streichquartette Hindemiths, Bartóks und anderer Komponisten des 20. Jahrhunderts gemahnendes komplexes Streichergeflecht angedeihen, das seine komplizierten Berechnungen und seine Vintage-Meßgeräte wiederspiegelt.

Anders als in Peter und der Wolf und den meisten anderen musikalischen Beispielen sollen in der NOWHERENOW-Musik nicht nur die Figuren mit Leitmotiven ausgestattet werden (zumal es nur zwei davon gibt...), sondern auch einzelne Aspekte ihrer Persönlichkeiten bzw. einzelne Gefühlsregungen. Ich denke etwa daran, ein Motiv für den enthusiastischen Glauben an das Unmögliche (daß gleich ein Raumschiff mit Wasserantrieb starten wird) zu prägen, das immer dann erklingt, wenn der Professor sich für seine Vision begeistert - und dann zum Ende des Films auch Lukas ergreift, als er im Sand sitzt und die den geglückten Start bejubelnde Stimme des Professors aus dem Dosentelefon hört.

Mit Leitmotiven kann nicht nur ein "Psychogramm" der Protagonisten ausgearbeitet werden - Igor Strawinsky verspottete in Anlehnung an den Wagner-Kritiker Eduard Hanslick Leitmotive als "Garderobennummer" der Figuren, die dieses starr identifizieren. An ihnen kann auch auch die Entwicklung der Charaktere nachvollzogen werden, und erst recht bieten Leitmotive, die nicht geradewegs für Figuren stehen, vielfältige Möglichkeiten. Sie verleiten jedoch dazu, eine Filmmusik sehr dicht an der Szene zu schreiben, eine illustrative Musik, die nicht schon per Konstruktion eine "eigene" Botschaft im Kontrast zum Gesehenen formuliert. Aber so viel Hollywood darf es diesmal schon sein...

Kommentare:

  1. Holla, klingt ja sehr durchdacht. Wer weiß - vielleicht geht der nächste Kurzfilm-Oskar ja wieder nach Deutschland?!

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  2. wo hast du denn das Strawinsky Zitat her?
    Interessant sind auch die Filmmusiken von Michael Nyman, speziell zu Peter Greenaway Filmen. "Memorial" aus "Der Koch, der Dieb, seine Frau und der Liebhaber" finde ich zwar packend, aber zugleich auch unsäglich. Die Anleihen aus Purcells "King Arthur" sind unverkennbar. Kubrick läßt bei "Eyes Wide Shut" Purcell direkt spielen, und natürlich Mnouchkine in der unsterblichen Sterbeszene von "Moliere".

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  3. hier das Video zu Ariane Mnouchkine - Scène de la mort de Moliere:
    http://www.wideo.fr/video/iLyROoaftCLZ.html

    immer wieder schön, Klaus Nomi singt den "Cold Song" aus "King Arthur":
    http://www.youtube.com/watch?v=0Ri8_C5mQx8

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  4. auch wunderbar, Michael Nymans "Miserere" aus "Der Koch, der Dieb, seine Frau und der Liebhaber":

    http://www.imeem.com/moriae/music/tt5qDJe-/michael_nyman_miserere/

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